„Wir wollen etwas Modernes“ ist der häufigste Satz in Design-Briefings und gleichzeitig der unbrauchbarste. Modern ist kein Stil, sondern eine Momentaufnahme — und jede Momentaufnahme veraltet. Websites, die einem Trend besonders konsequent gefolgt sind, wirken erfahrungsgemäß am schnellsten alt. Gleichzeitig gibt es Merkmale, an denen Besucher tatsächlich erkennen, dass eine Website in die Jahre gekommen ist, und die haben weniger mit Stil zu tun, als man denkt. Dieser Artikel trennt beides: dauerhaft tragende Prinzipien von kurzlebigen Moden.
Was „modern“ eigentlich meint
Wenn Kunden „modern“ sagen, meinen sie in aller Regel eines von drei Dingen: Es soll aufgeräumt wirken, es soll auf dem Handy gut funktionieren, oder es soll nicht aussehen wie die Website des Wettbewerbers von 2016. Alle drei Wünsche sind berechtigt — und keiner davon ist eine Stilfrage.
| Gemeint ist | Tatsächlich geht es um |
|---|---|
| „aufgeräumt“ | klare Hierarchie, Weißraum, weniger Elemente |
| „frisch“ | gute Typografie, aktuelle Bilder, ausreichend Kontrast |
| „hochwertig“ | handwerkliche Sorgfalt in Details und Abständen |
| „nicht altbacken“ | keine veralteten Muster wie Slider und Schlagschatten |
| „schnell“ | Ladezeit und Reaktionsverhalten |
Sieben Prinzipien, die bleiben
- 1Hierarchie vor Dekoration: Auf jedem Bildschirm muss sofort klar sein, was das Wichtigste ist
- 2Weißraum als Gestaltungsmittel: Abstand schafft Wertigkeit zuverlässiger als jedes Stilelement
- 3Konsistenz: gleiche Elemente sehen überall gleich aus und verhalten sich gleich
- 4Lesbarkeit: ausreichende Schriftgröße, Zeilenlänge und Kontrast — nicht verhandelbar
- 5Reduktion: Jedes Element muss seine Anwesenheit rechtfertigen
- 6Geschwindigkeit ist Gestaltung: Eine langsame Seite wirkt billig, egal wie sie aussieht
- 7Zugänglichkeit: Was nur mit Maus, perfektem Sehvermögen und schnellem Netz funktioniert, ist schlecht gestaltet
„Websites altern selten wegen ihrer Farben. Sie altern wegen zu enger Abstände, zu kleiner Schrift und zu vieler Elemente, die um Aufmerksamkeit konkurrieren."
Zehn Merkmale, an denen Besucher Alter erkennen
- 1Ein automatisch weiterlaufender Bilderslider im Kopfbereich
- 2Kleine Schrift unter 16 Pixel im Fließtext
- 3Enge Zeilenabstände und über 100 Zeichen lange Textzeilen
- 4Verlaufsfüllungen und Schlagschatten an Buttons und Kästen
- 5Stockfotos mit Geschäftsleuten beim Händeschütteln
- 6Drei Spalten mit Icons und je zwei Zeilen Text ohne Aussage
- 7Auf dem Handy horizontal scrollende Tabellen und Bilder
- 8Sichtbar unterschiedliche Abstände zwischen gleichartigen Abschnitten
- 9Jahreszahlen und Inhalte, die erkennbar veraltet sind
- 10Ladezeiten über vier Sekunden
Trends: nehmen oder lassen
| Trend | Empfehlung | Begründung |
|---|---|---|
| Große Typografie | nehmen | verbessert Hierarchie und Lesbarkeit |
| Dunkle Darstellung als Option | nehmen | Nutzerwunsch, technisch unproblematisch |
| Sparsame Bewegung beim Scrollen | mit Maß | hilft Orientierung, wenn dezent |
| Glasoptik und starke Unschärfen | abwarten | kostet Rechenleistung, altert schnell |
| Individuelle Cursor | lassen | stört Bedienung, bringt keinen Nutzen |
| Aufwendige 3D-Szenen | nur mit Grund | hohe Kosten, Ladezeit, Barrieren |
| Handgezeichnete Elemente | wenn zur Marke passend | wirkt schnell beliebig |
| Scroll-gesteuerte Erzählungen | selten | teuer, mobil oft problematisch |
Die Faustregel: Trends, die Struktur und Lesbarkeit verbessern, könnt ihr bedenkenlos übernehmen. Trends, die vor allem Aufmerksamkeit für sich selbst erzeugen, altern schnell und stehen der eigentlichen Aufgabe der Website im Weg.
Typografie ist das Hauptwerkzeug
Auf einer Website besteht der weit überwiegende Teil des Inhalts aus Text. Entsprechend groß ist die Wirkung typografischer Entscheidungen — und entsprechend häufig werden sie vernachlässigt.
- Fließtext mindestens 16 Pixel, auf großen Bildschirmen eher 18 bis 20
- Zeilenlänge zwischen 60 und 80 Zeichen — auch wenn mehr Platz vorhanden ist
- Zeilenhöhe ab dem 1,5-fachen der Schriftgröße
- Deutlicher Größensprung zwischen den Überschriftenebenen, sonst wirkt alles gleich wichtig
- Zwei Schriftschnitte reichen fast immer; mehr wirkt unruhig und kostet Ladezeit
- Abstände in einem festen Raster, nicht nach Gefühl je Abschnitt
Farbe und Kontrast
- Eine dominante Farbe, eine Akzentfarbe, ein Satz Grautöne — mehr braucht es selten
- Akzentfarbe für Handlungen reservieren, nicht für Dekoration
- Textkontrast mindestens 4,5:1, bei Bedienelementen mindestens 3:1
- Helle graue Schrift auf Weiß ist der häufigste Kontrastfehler überhaupt
- Farbe nie als alleiniger Bedeutungsträger — Fehler brauchen Text oder Symbol
- Dunkle Darstellung separat prüfen: Kontraste kippen dort häufig
Wann ein Redesign fällig ist
| Anlass | Redesign nötig? |
|---|---|
| Website ist 5+ Jahre alt | meist ja, zumindest überarbeiten |
| Marke hat sich verändert | ja |
| Mobile Nutzung funktioniert schlecht | ja, dringend |
| Ladezeit über 4 Sekunden | erst optimieren, dann entscheiden |
| Wettbewerber sieht besser aus | kein ausreichender Grund allein |
| Anfragen gehen zurück | erst Ursache prüfen — oft liegt es nicht am Design |
| Geschäftsfelder haben sich geändert | ja, meist auch strukturell |
Die vorletzte Zeile ist die wichtigste. Rückläufige Anfragen haben häufiger technische oder inhaltliche Ursachen als gestalterische. Bevor ihr ein Redesign beauftragt, macht den Webseiten-Check — es wäre nicht das erste Mal, dass ein Formular seit Monaten ins Leere sendet und das Design gar nicht das Problem war.
Design, das in fünf Jahren noch trägt
Wir gestalten zurückhaltend und handwerklich sauber, statt Trends hinterherzulaufen. Das hält länger — und kostet über die Lebensdauer weniger.
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